Poker lebt von der Unvollkommenheit, denn wenn jeder perfekt spielen würde, sind die einzigen Profiteure die Pokerräume. Durch die wachsenden Möglichkeiten an und neben den Tischen ergeben sich nicht nur neue Herausforderungen, sondern auch Probleme für das Spiel. Ein solches Problem könnten sogenannte Poker-Solver werden. Worum es sich dabei handelt und warum diese zu einer echten Gefahr für Online Poker werden können, erfahren Sie in diesem Artikel. 

Inhaltsverzeichnis

  1. Was ist ein Poker Solver?
  2. Wo genau liegt das Problem?
  3. Das Poker-Ökosystem
  4. Was ist das Worst-Case-Szenario?
  5. Zusammenfassung

Was ist ein Poker Solver?

Bei einem Solver handelt es sich um ein Computerprogramm, das für jede gegebene Pokersituation das mathematisch beste Play berechnet. Das Ziel besteht also darin, das Spiel zu lösen, wie dies bereits beim Schach (durch spezielle Schach-Computer) der Fall ist. Dabei berechnet ein Solver nicht immer das beste Play gegen einen bestimmten Gegner, sondern bietet eher einen Strategieansatz, der von anderen Spielern nicht ausgenutzt werden kann. 

Einige Solver erlauben es Ihnen heutzutage auch, Ranges und Gegnertendenzen einzugeben, um eine noch bessere Lösung zu finden. Wird die aktuelle Entwicklung beibehalten, so werden die Solver der Zukunft noch leistungsfähiger sein. Aber selbst ein Solver, der nur einen Strategieansatz ausgibt, der nicht ausnutzbar ist, wird unglaubliche Ergebnisse erzielen.

Als vor einigen Jahren Solver auftauchten, benutzten die Leute sie hauptsächlich zum Lernen. Dabei war der klassische Ansatz, den Solver mit bestimmten Händen zu füttern, um von den ausgegebenen Lösungen zu lernen. Aber es war dennoch jedem klar, dass es nicht lange dauern würde, bis die Solver auch aktiv beim Spielen genutzt werden. Mittlerweile dürfte bekannt sein, dass dies geschehen ist, insbesondere bei höheren Einsätzen, bei denen das Gewinnen ohne eine GTO-Strategie (die bestmögliche Strategie zu jedem gegebenen Zeitpunkt) sehr schwierig geworden ist.

Poker Solver

Zuletzt sind eben jene Vorwürfe gegen den deutschen Pokerspieler Fedor Kruse aufgetaucht. Dies sorgte dafür, dass die Diskussion über Solver erneut in den Vordergrund gerückt ist. Unabhängig von dem Wahrheitsgehalt der Anschuldigungen ist die Möglichkeit, dass Solver beim Spielen in Echtzeit verwendet wurden, nicht unwahrscheinlich. Mit ziemlicher Sicherheit gibt es bereits Spieler, die dies tun.

Pokerspieler suchen immer nach einer Edge, es gehört einfach zu der Denkweise eines jeden professionellen Spielers. Solver bieten selbst auf den höchsten Limits einen großen Vorteil. Es wäre sehr überraschend, wenn das, was Kruse vorgeworfen wird, nicht regelmäßig passiert.

Wo genau liegt das Problem?

Kruse wird vorgeworfen, dass er zwei PCs gleichzeitig verwendet hat, auf dem einen spielte er Poker, während auf dem anderen ein Solver lief. Das ist durchaus vorstellbar. Durch die Veröffentlichung dieser Behauptung wird die Idee definitiv den ein oder anderen Nachahmer finden. 

Online-Poker-Anbieter erlauben im Allgemeinen nicht die Verwendung eines Solvers, aber wie soll dies überprüft werden, wenn jemand das Programm auf einem anderen Computer verwendet? 

Die Bilderkennung ist heutzutage so gut, dass es durchaus vorstellbar ist, eine Webcam über einem Monitor zu montieren, diese an einen anderen Computer anzuschließen und diesen PC erkennen zu lassen, was an den Tischen passiert. Der zweite Computer könnte dem Spieler buchstäblich GTO-Lösungen in Echtzeit bieten, ohne dass eine Pokerseite dies erkennen könnte, da die beiden Computer nicht miteinander verbunden sind. Der zweite PC muss nicht einmal mit dem Internet verbunden sein.

Es gibt auch andere Lösungen. Selbst ein einfaches System, wie das eingangs erwähnte, wird schwierig zu erkennen und noch schwieriger zu nachzuweisen sein. Es erfordert einen höheren Arbeitsaufwand, von einem Computer zum anderen zu wechseln, aber es ist definitiv machbar. Ein cleverer Programmierer könnte wahrscheinlich alles auf einem PC erledigen und so die Erkennungsmechanismen der Pokeranbieter umgehen. Wenn es genug Geld zu gewinnen gibt, werden Pokerspieler einen Weg finden, dies zu erreichen.

Dies ist nicht nur schlecht für die hohen Limits. Selbst wenn Solver nie bei niedrigeren Einsätzen eingesetzt wurden, kann dies das Image von Online Poker nachhaltig beschädigen und womöglich dafür sorgen, dass weniger Spieler an den Tischen zu finden sind.

Jeder Hinweis auf einen Betrug führt dazu, dass sich Freizeitspieler von den Tischen fernhalten. Sie suchen nach einem Grund, warum sie verlieren, und sie wollen nicht glauben, dass sie nicht gut genug sind. Früher wurde der Pokeranbieter für die Verluste verantwortlich gemacht und jetzt sind es die Solver. Dies führt dazu, dass die Spieleranzahl abnimmt, da die Angst vor einem möglichen Betrug größer wird. 

Das Poker-Ökosystem

Poker Oekosystem

Werfen wir einen Blick auf das „Ökosystem“, das auf einer Online-Pokerseite existiert. In der Folge werden die Begriffe Fisch, Hai und Ozean verwendet. Die meisten wissen wahrscheinlich, was diese Begriffe für eine Bedeutung haben - für alle anderen folgt eine kurze Erklärung:

  • Fisch = häufiges Synonym für einen schwachen Pokerspieler
  • Hai = häufiges Synonym für einen guten/professionellen Pokerspieler
  • Ozean = damit wird der gesamt verfügbare Spielerpool bezeichnet

Wenn ein Fisch gegessen wird, bedeutet dies, dass er zu schnell zu viel Geld verloren und nicht oft genug gewonnen hat, sodass er sich dafür entscheidet, aufzuhören. Sie sind somit aus dem Poker-Ökosystem verschwunden. Wenn es dem Pokeranbieter gelingt, einen neuen Spieler an Land zu ziehen, gibt es einen neuen Fisch im Poker-Ökosystem.

Wenn jeder Hai einen Fisch pro Tisch und Stunde frisst und der Anbieter in der Lage ist, neue Spieler mit der gleichen Geschwindigkeit an Land zu ziehen, haben wir ein stabiles Ökosystem. Das ist auf lange Sicht nicht unbedingt nachhaltig, weil es nicht unendlich viele potenzielle Spieler gibt, aber es könnte sehr lange dauern, bis diese Ressourcen ausgeschöpft sind. 

Wenn nun jeder Hai noch einen weiteren Tisch spielt, gerät das gesamte System in eine Todesspirale. Denn ein Tisch mit einem Hai und acht Fischen muss nur einen Fisch pro Stunde ersetzen. Aber wenn ein Fisch gefressen und durch einen Hai ersetzt wird, müssen jetzt zwei Fische pro Stunde neu an den Tisch kommen, um die zu ersetzen, die die beiden Haie fressen. Aus diesem Grund begrenzen viele Pokeranbieter die Anzahl der Tische, die Sie spielen können, da dies verhindert, dass die Haie die Fische zu schnell fressen und das Ökosystem zerstören.

Was ist das Worst-Case-Szenario?

Das Worst-Case-Szenario, das leider auch das wahrscheinlichste Szenario ist, sieht folgendermaßen aus:

Einige der Fische verwenden Solver und verwandeln sich in Haie. Ein paar weitere Fische gehen, weil sie von Solvern hören und denken, dass sie nicht mehr gewinnen können. Das Ökosystem gerät aus dem Gleichgewicht und Fische werden schneller gefressen, als sie ersetzt werden können. Dies führt dazu, dass weniger Fische und mehr Haie zu finden sind. 

Wenn Sie jemals versucht haben, Single-Table-Turniere in einem kleinen Online-Pokerraum zu spielen, wissen Sie genau, wie wichtig die kritische Masse ist. Auf einer Pokerseite mit 500 Spielern kann kein einziges SNG gespielt werden, auf einer Seite mit einigen Tausend Spielern werden ständig neue Spiele gestartet. Sobald ein Spieler sieht, dass er nie sein Lieblingsformat spielen kann, geht er zu einem anderen Anbieter oder hört ganz auf, Online-Poker zu spielen.

Das Versäumnis, eine kritische Masse zu erreichen, wird ebenfalls eine Abwärtsspirale mit sich bringen. Der SNG-Spieler, der gegangen ist, hat möglicherweise auch an den Wochenenden einige große Multi-Table-Turniere gespielt, dort werden nun ebenfalls die Spielerpools kleiner. Das gleiche kann bei Cash Games passieren. Wenn nicht genügend Leute vorhanden sind, um ein Spiel zu starten, steht diese Pokerseite kurz vor dem Ende.  

Zusammenfassung

Solver können dem vorhandenen Online-Poker-Ökosystem einigen Schaden anrichten. Wenn über ein Problem geschrieben wird, dann versucht man natürlich auch auf Lösungsansätze einzugehen. Aber in diesem Fall ist es sehr schwierig, einen solchen zu finden. COVID-19 wird Live-Poker noch eine Weile außer Gefecht setzen. Einige Live-Pokerräume müssen womöglich für immer ihre Pforten schließen. Und es wird eine riesige Herausforderung für die Pokeranbieter werden, den Einsatz von Solvern zu unterbinden. 

Live-Turniere werden sich mit hoher Wahrscheinlichkeit schneller erholen als Cash Games. Es ist immer noch das Format, das die größte Popularität unter den Spielern genießt. Ob es jetzt klug ist, ein Live-Turnier zu spielen, muss jeder für sich selbst entscheiden, aber es gibt durchaus die Möglichkeit, dies zu tun. 

Online Poker wird in naher Zukunft nicht vom Aussterben bedroht sein, aber es gibt ein großes Problem, das behoben werden muss. Es ist an der Zeit, dass hierfür eine Lösung gefunden wird.

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